Zwischen Farben und Prinzen: Dorothea Gragert

„Hier muß ich singen `Alle Brünnlein fließen´, aber innen drin ist Pink Floyd!“

Die Künstlerin Dorothea Gragert wurde in den Goldenen 20er Jahren im brandenburgischen Bad Wilsnack geboren, und lebt heute in einem Seniorenstift der „Deutsche Wohnen“ in Berlin-Zehlendorf. Seit 1946 in der Hauptstadt ansässig, ist sie lebendiger und aufgeweckter als so manche Zwanzigjährige, wenn sie einem gegenüber sitzt und in Erinnerungen schwelgt. „Das Schönste ist das Loslassenkönnen“, sagt sie selbst. Gragert hatte ein bewegtes Leben, mit dem sie sich Stück für Stück auseinandersetzt. Nach der Wiedervereinigung lief sie in strömendem Novemberregen durch die Straßen Berlins, vorbei an allen Plätzen, die ihr Leben prägten, und stellte sich der Vergangenheit.

Die 82-Jährige hat spät entdeckt, dass es die Malerei ist, die sie wirklich glücklich macht. „Malen bedeutet Spaß.“

Der Auslöser dafür war ein Mandala-Kurs, den sie bei der persischen Künstlerin und guten Bekannten Shala Agapur absolvierte. Zu diesem Zeitpunkt war die Wahlberlinerin Gragert 75 Jahre alt. Am liebsten malt sie nachts. „Ich liebe das Zeichnen in der Stille der Nacht. Weil die Stille inspirierend ist. Die Stille voller Tiefe.“

Wichtige Motive, die sich durch ihre Werke ziehen, sind Rundungen und geschwungene Linien. Ihre Bilder sind weit verstreut. Exemplare finden sich in Frankreich, der Ukraine, in Italien und Österreich. Die meisten aber sind in Deutschland ausgestellt; Vernissagen in Bad Ems, Potsdam und Berlin inspirierten sie dazu, weiterzumachen mit dem, was sie liebt.

„Sämtliche Büroarbeit ist mir widerlich!“ sagt Gragert aus voller Überzeugung. Die Rentnerin war schon immer auf der Suche nach einem erfüllenden Berufsleben. So war sie mit Ende Zwanzig für die Pflege von zehn Kindern im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin verantwortlich und absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin. Ihre Wissbegierde ließ auch im Alter nicht nach, und sie studierte mit 75 Jahren noch einmal Philosophie und Psychologie an der Freien Universität Berlin. Auch begann sie, Lesungen zu organisieren, erst im Kreuzberger „Nachbarschaftshaus“, dann auch in den jeweiligen Pflegeeinrichtungen, z.B. den „Katharinenhöfen“.

Das Werk „Der kleine Prinz“ spielt dabei die größte Rolle. Auch gehört Gragert zu den „Schreibenden Frauen von Kreuzberg“ und verfasst Lyrik, die so offen und liebevoll wirkt wie ein Tagebucheintrag. „Du wirst froh sein, mich gekannt zu haben“ – der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry spricht Dorothea Gragerts Gedanken aus.

Drei Männer, denen sie im Laufe ihres Lebens begegnet ist, haben sie entscheidend geprägt: Der Schriftsteller und Theaterregisseur George Tabori, der Schauspieler André Eisermann und der deutsche Liedermacher Klaus Hoffmann. „Du musst deinen inneren Clown finden“, lehrte sie Eisermann. Und staunte nicht schlecht, als Gragert beim nächsten Treffen zwischen den beiden eine Clownsnase aus der Tasche zog. Klaus Hoffmann pflegt sie während seiner Konzerte noch immer liebevoll und persönlich im Publikum zu begrüßen. Und auch mit George Tabori verband sie eine tiefe Freundschaft; „Ich habe gelernt zu scheitern, immer wieder zu scheitern, immer besser zu scheitern“, gab der 2007 verstorbene Drehbuchautor ihr mit auf den Weg.

Dorothea Gragert selbst hat sich eins vorgenommen: „Ich will am Lebensende mit vollen Händen ankommen.“ Man merkt schnell, dass sie der Erfüllung dieses Wunsches schon sehr nahe gekommen ist.

Text: Dorothee Emsel und Silvia Hanz